Kaffepausen-Blues
31. Januar 2012 by c3lloIn meiner Werkstatt steht ein altes Klavier. Urspruenglich wollte ich es nicht wirklich nehmen. Eine Kollegin hatte wegen eines Umzuges keinen Platz mehr dafuer und bat mich, es bis zum Weiterverkauf bei mir unterbringen zu duerfen. Das ist nun schon einige Jahre her und aus dem Weiterverkauf wurde ein Tauschgeschaeft. Inzwischen ist Klavierspielen zu meiner Haupt-Kaffeepausen-Beschaeftigung geworden. Was mich am Klavierspielen interessiert, ist eine Art elementare Auseinandersetzung mit Musik. Ein Jazz-Standard ist eine ueberschaubare musikalische Realitaet: eine Melodielinie mit Akkordsymbolen, die den harmonischen Verlauf festlegen. Schliesslich soll das Ganze auch rythmisch interessant werden. Wie kombiniere ich diese Elemente sodass es zu einem kleinen musikalischen Ereignis wird?
Da stoesst man auf innere Blockaden. Der Koerper macht etwas und das Ohr sagt “nein, so nicht”. Man versucht es nocheinmal und das Resultat ist mehr oder weniger dasselbe. Immer wieder passiert es aber, dass etwas Neues hervorbricht und man hat ploetzlich das Gefuehl, sich selbst zuzuhoeren und zuzusehen. Die Haende machen etwas und das Ohr sagt: Wow! Ich wusste gar nicht, dass ihr zu soetwas faehig seit! Hin und wieder passiert das. Und dafuer lohnt es sich, auch die morgige Kaffeepause wieder dem Klavierspielen zu widmen.
Nachdenken ueber den Klang
16. Dezember 2011 by c3llo4. Hoerprobe
Es ist nicht leicht, die Klangqualitaet einer Geige zu beurteilen. Laien geben da sehr schnell auf. “Ich hoere da ueberhaupt keine Unterschiede”… Der Musiker kommt da in jedem Fall einen Schritt weiter: “das A ist ein wenig zu dumpf”, oder: “diese Geige ist eher dunkel..”, oder: “diese Geige gefaellt mir”. Wirklich gut geschulte Ohren hoeren noch tiefer in den Klang hinein. “Das cis auf der A-Seite klingt schwaecher”,” in diesem Berreich faellt der Klang etwas ab”, “diese Note sticht heraus”…” diese Geige hat einen schoenen Schmelz”.
Der Musiker geht immer vom Klang aus, von dem, was er hoert, spuert, fuehlt. Als Geigenbauer denke ich vom Instrument aus. Wenn ein Musiker das Endresultat meiner Arbeit beurteilt, versuche ich, das Gesagte in Beziehung zu einem Teil des Resonanzkoerpers, einer Phase des Bauprozesses zu bringen. Kann ich durch die Feinabstimmung ein Problem loesen? Spielt der persoenliche Geschmack des Musikers eine Rolle? Hat meine Geige ein Resonanzproblem, dass ich noch loesen muss? Was wird sich an meiner Geige durch ihre natuerliche Entwicklung noch veraendern?
Die richtige Kommunikationsebene finden
Ein guter Ausgangspunkt fuer ein Gespraech ueber den Klang eines Instrumentes ist es, sich nicht fuer die eigene Unwissenheit zu genieren. Der Klang ist ein ziemlich schwieriges Thema. Als ichselbst schon glaubte, eine ganze Menge darueber zu wissen, passierte es mir mitunter , ein mir gezeigtes Instrument akustisch voellig falsch einzuschaetzen. Ich fuehle mich auch jetzt noch nicht ganz sicher vor solchen Fehlern und um ganz ehrlich zu sein: ich habe sogar Angst davor, sie wieder zu begehen und mein Gesicht als Resonanz-Experte dabei zu verlieren! Ich glaube, dass auch das geschulteste Musikerohr nicht ganz sicher vor Ihnen ist. Das hat mit der Natur des Gehoerssinnes zu tun, ueber die ich noch etwas schreiben werde. Ein guter Ausgangspunkt ist es daher , sich immer wieder klarzumachen, dass es nicht einfach ist, objektiv ueber den Klang zu sprechen.
Werkstatt-Tagebuch
11. Dezember 2011 by c3lloEine archaische Harfe aus einem im Trebbia (einem Fluss nicht weit von hier in den Apeninnen) gefundenen Schwemmholz ist fertig. Ein Musikliebhaber hat sie bei mir bestellt.
Bei der neuen Fontana-Geige arbeite ich gerade die Dicken aus- ein aeusserst heikler Vorgang. Jetzt kommt es darauf an, ein moeglichst scharfes Bild vom gewuenschten Endresultat zu haben. Diesmal moechte ich den Klang besonders modulierfaehig haben. Dabei soll er die fuer dieses Modell charakteristische Strahlkraft verbunden mit grosser Klangwaerme nicht einbuessen. Das ist nicht einfach- denn fuer die Modulierfaehigkeit ist das Beibehalten einer gewissen Holzdicke guenstig. Bei zu grosser Dicke buesst der Klang aber an Waerme ein. Deshalb habe ich schon bei der Holzwahl begonnen. Sehr alte Fichte fuer die Decke und Ahorn mit hohen Eigentoenen fuer den Boden. Die Hoelzer passen gut zusammen.
Mehrere Celloschnecken sind in Arbeit. Bei der Suche nach neuen Modellen bin ich auf Ruggeri und Goffriller gestossen.
Nachdenken ueber den Klang
2. Dezember 2011 by c3llo3. Klangvorstellung und Resonanzkoerper
Klangvorstellungen und die Ihnen entsprechenden Resonanzkoerper haben sich in ihrer Entwicklung immer gegenseitig beeinflusst. Neue Klangvorstellungen fuehrten zu neuen Resonanzkoerpern und aus neuen Resonanzmoeglichkeiten entstanden neue Klangvorstellungen. Vor Beginn des 19. Jahrhunderts war der Wiener Geigenbau noch von Jakob Stainers Bauweise und der sueddeutschen Schule gepraegt. Die zumeist hochgewoelbten Instrumente wurden im Randberreich duenn ausgearbeitet. Im Zentralberreich waren sie relativ dick. Diese Dickenverteilung war aufgrund der Woelbungsform sinnvoll: enge Woelbungskurve bei steilem Ansteigen der Woelbung im Randberreich und relativ flacher Woelbungsverlauf im Zentralberreich.
Diese Bauweise entsprach einer Klangvorstellung und der Resonanzkoerper sollte ihr dienen. Dass der Wiener Geigenbau aus dieser Zeit heute eine untergeordnete Rolle spielt, liegt daran, dass die Klangvorstellungen sich geaendert haben und andere Resonanzkoerper bzw. eine andere Bauweise sich dafuer als geeigneter erwiesen haben. Was man heute als den“Idealklang” ansieht, ist einfach ganz anders. Und als “besser” wird dasjenige beurteilt, was dem neuen Klangideal vollkommener entspricht.
Eine historische Realitaet
Die alten Wiener Instrumente hatten ganz bestimmte Faehigkeiten, die bei anderer Bauweise nicht in derselben Weise zu erzielen sind. Und gerade auf diese Faehigkeiten legte man offensichtlich Wert: die sanfte Modellierbarkeit des Klanges , gepaart mit einer Qualitaet, die man “konsonantische Praegnanz” nennen koennte und welche die klare Artikulation in schnellen Passagen erheblich erleichtert. Bei zu hitzigem Spiel “schmilzt” er und loest sich wie Butter in der Pfanne auf. Aber dieses Allzuhitzige wollte man gar nicht. Das kam erst spaeter auf . Es wurde oft und mit wechselndem Erfolg versucht, alte Wiener Intrumente an heutige Klangvorstellungen anzupassen (es waere nicht verwunderlich, wenn Instrumente, die aus damaliger Sicht “schlechter” waren, auf diese Anpassungen besser reagierten).
Weniger oft hat man versucht, ein differenziertes Verstaendnis fuer das Besondere gerade dieser Resonanzkoerper zu entwickeln. Um diese historische Realitaet zu wuerdigen, habe ich ihr im Rahmen meiner Beschaeftigung mit historischen Instrumenten ein eigenes Projekt gewidmet.
Mehr zum Thema auf meiner Hoempage www.violinstudio-horvat.com
Nachdenken ueber den Klang
26. November 2011 by c3llo2. Mozarts Klangideal
Es gibt eine dokumentierte Episode aus Mozarts Leben, die uns Einblick in seinen persoenlichen Geschmack bezueglich des Geigenklanges gibt. Der Besitzer einer Geige, die Mozart ganz besonders gefiel, berichtet darueber in einem Brief*. Mozart war offenbar ganz besonders beeindruckt von dem Instrument und verlangte immer wieder, es ausprobieren zu duerfen. Er nannte es “ihre Buttergeige”.
Koennen Sie sich vorstellen, wie diese Geige geklungen hat? Also eines ist sicher: hart und schrill klang sie nicht. Brillant und strahlend vielleicht? Nun ja, ich glaube, wir sind uns einig, dass die feinen Ohren eines musikalischen Genies andere Worte fuer die Beschreibung eines solchen Klanges gefunden haetten. Wie waere es mit “butterweich? Klingt plausibel. Aber vielleicht ein wenig banal. Waere Mozart wirklich so beeindruckt von einem Instrument gewesen, nur weil es butterweich klingt?
Die tiefere Ebene
Ich gehe davon aus, das die Ohren eines der groessten musikalischen Genies aller Zeiten da etwas differenzierter urteilten. Weichheit war sicher eine Charakteristik dieses Klanges. Aber ich glaube (nein: ich bin sicher), dass diese Beschreibung eine tiefere Ebene beruehrte. Wie die Butter willig und sanft nachgiebt, sich schneiden und streichend ausbreiten laesst, wie sie sich im Kochtopf schmelzen und wieder verfestigen laesst, so muss dieser Klang auf die Impulse des Bespielers reagiert haben. Ein lediglich” butterweicher” Klang waere niemals imstande gewesen, Mozarts Musik in all ihrer Vielfalt und Lebendigkeit wiederzugeben.
Mehr zu diesem Thema auf meiner Website www.violinstudio-horvat.com unter “Barockinstrumente”
*Marco Tiella: “Strumenti per Mozart”, Romano Vettori, Milano1991
Nachdenken ueber den Klang
26. November 2011 by c3llo1.Nachdenken ueber den Klang
Das Nachdenken ueber den Klang ist ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Taetigkeit. Das hat bei mir schon sehr frueh, zunaechst eher unbewusst, begonnen. Es stand im Zentrum meiner musikalischen Ausbildung, die mich mit verschiedenen Instrumenten in Beruehrung gebracht hat: dem Violoncello in erster Linie, dem Klavier, dem Harmonium, der Trompete.
Jetzt ist es der Ausgangspunkt fuer alles, was in meiner Werkstatt passiert. Der Klang ist ein faszinierendes Phaenomen und das Nachdenken darueber scheint beinahe unbegrenzt zu sein. Eines ist aber sicher: ueber Klang kann man sprechen, obwohl die Grenze zwischen objektiv Beschreibbarem und subjektiv Wahrgenommenem wohl bei keinem Sinnesorgan so schwer zu ziehen ist wie beim Ohr.
Zu meiner Arbeitsweise
Die Geige ist ein Resonanzkoerper. Bevor man einen Resonanzkoerper baut, muss man sich ein moeglichst klares Bild davon machen, was denn eigentlich resonieren soll. Wofuer soll dieser Resonanzkoerper empfaenglich sein? Die Entwicklung der Musikinstrumente zeigt, dass die Vorstellung darueber, wie der musikalische Ton resonieren soll, sich stark veraendert hat. Heute gibt es eine grosse Fuelle von Klaengen. Etnische-, elektronische-, Originalklang- und moderne Konzertinstrumente bestehen nebeneinander. Jeder hat da so seine Praeferenzen und es besteht viel Verwirrung darueber, was eigentlich eine guter, vollkommener Klang ist. Deshalb ist das Nachdenken darueber nuetzlich und deshalb stelle ich es immer wieder an den Anfang meiner Arbeit. In diesem Blog werde ich diesem Thema eine eigene Artikelserie widmen.
Ueber MARTINSBLOG
26. November 2011 by c3lloHier finden Sie alles, was meine offizielle Homepage nicht enthaelt. Ein “Werkstatt-Tagebuch” soll Ihnen einen Einblick in meine Taetigkeit und das alltaegliche Werkstattleben geben. Mit der Artikelserie “Nachdenken ueber den Klang” moechte ich meine Gedanken zum Geigenbau zur Diskussion stellen. “Akkorde” wird meine Lieblings-Kaffeepausenbeschaeftigung behandeln: Jazz –Standards auf dem Klavier zu spielen und allen moeglichen Akkorden nachzulauschen.
Kinder spielen in meinem Leben eine grosse Rolle. Ich bin selbst dreifacher Vater und wurde im letzten Jahr bei MUS-E* engagiert. Das ist ein von Yehudi Menuhin iniziertes Projekt , bei dem es darum geht, bei Kindern durch interdisziplinaere kuenstlerische Erziehung Kommunikationsbarrieren abzubauen. Alles, was bei mir rund um die musikalische Frueherziehung passiert, werde ich unter “La Via Gioconda”, “Die heitere Strasse”(=meine Werkstattadresse) behandeln. Motto: das wirklich Wertvolle sollte nicht auf Kosten von, sondern fuer die Kinder (aller alterstufen!) geschehen.
Wer auch im Erwachsenenalter sich etwas von seiner Kindlichkeit bewahrt hat und neugierig und experimentierfreudig geblieben ist, der wird in meinen Gedanken und Experimenten ueber neuartige Saiteninstrumente vielleicht etwas Eigenes Wiedererkennen. Mit diesem “Gemeinsamen” dann etwas zu machen, ist das Ziel der diesem Thema gewidmeten Sparte. Nennen wir sie…
*www.mus-e.it
